Der Betruf als Form des allabendlichen Gebets oder auch Alpsegens hat in Engelberg Tradition und dürfte wohl zu den ältesten heute noch gelebten Traditionen überhaupt gehören. Wer allerdings den Älplern beim Betruf ganz genau zuhört, wird kleine, aber ganz feine Unterschiede feststellen. So unterscheidet sich der auf den Engelberger Alpen vorgetragene Betruf in der Wortwahl und auch beim Anrufen der verschiedenen Heiligen von jenem Betruf, den die Kollegen nur wenige hundert Meter Luftlinie entfernt auf Trübsee beten. Variationen gibt es auch bei der Tonart. Charakteristisch hingegen ist für alle die musikalische Gestalt des Betrufs mit einer relativ starren Komposition der Melodie. Egal ob der Betruf auf der Alp Stoffelberg oder auf Trübsee vorgetragen wird. Jede Silbe des Textes wird mit einem Ton wiedergegeben und am Versende erfolgt in der Regel eine Ausschmückung mit mehreren Tönen auf einer Silbe.

Das abendliche Gebet der Älpler in Form des Betrufs wird heute in Engelberg auch von der jungen Generation gepflegt. Dies war wohl nicht immer so. Ja, es schien fast, dass der Betruf von den Engelberger Alpen verschwinden könnte. Wohl deshalb errichtete eine weitsichtig denkende Frau im Jahre 1936 ein Legat für die «Alpsegenstiftung» mit dem Hintergedanken, dass die vom Legat anfallenden Zinsen unter den Betrufern aufgeteilt werden soll. Für Franz Häcki spielt dies keine Rolle. Seit seiner frühesten Jugend ist er Betrufer aus einer tiefen inneren Überzeugung. Mit einem lauten Jauchzer beendet er sein Abendgebet. Mit dem Holztrichter in der Hand macht er sich auf den Weg zurück zur Alphütte und geniesst dabei zum letzten Mal für diesen Tag die nur vom Glockengebimmel der weidenden Tiere unterbrochene Stille auf seiner Alp. Und die Sonne hat sich in der Zwischenzeit auch aus dem Tal verabschiedet. Zeit, sich ebenfalls schlafen zu legen

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Text & Bild: Beat Christen